Für die Individuation ist es hilfreich zu verstehen, dass man als Mensch nicht einfach nur eine chaotische Masse verschiedener Gefühle, Gedanken und Impulse ist, sondern dass es eine Struktur und sogar ein regelrechtes System in unserem Inneren gibt.
Zunächst unterscheiden wir:
- Das Ich
- Das Selbst
- Eine Vielzahl von verschiedenen Anteilen
Anteile
Viele Menschen erleben beim Thema Nähe und Distanz oft einen Bedürfniskonflikt: einerseits braucht und möchte man Nähe zu anderen Menschen, andererseits wird es einem irgendwann zu viel und man braucht seine Ruhe. Das sind schon mal zwei Anteile mit unterschiedlichen Bedürfnissen, dazu kommen dann Anteile, die sich fragen: Darf ich “Nein” sagen? Warum kann ich keine Nähe mit anderen erleben?
Das Ich
Das Ich ist das Bewusstsein in uns, das die Gefühle und Gedanken dieser Anteile erlebt und damit mehr oder weniger identifiziert ist. Identifiziert bedeutet, mit einem Teil so verschmolzen zu sein, dass das Ich keinen Unterschied zwischen sich und dem Teil erlebt, oder anders gesagt, dass man die Gefühle, Gedanken, und Impulse des Teiles für die eigenen hält und die Existenz der anderen Teile ganz vergisst.
Wenn das Ich etwas weniger mit den Teilen verschmolzen ist, kann es bemerken, dass es in einer Situation mehrere Aspekte gibt. Zum Beispiel kann es sein, dass jemand sich durchaus des oben genannten Bedürfnis- oder Zielkonfliktes bewusst ist und nicht immer vollständig mit einer Seite identifiziert ist. Man sagt dann Dinge wie: Einerseits will ich dies, aber andererseits will ich auch jenes.
Wenn das Ich dieses Maß an Freiheit und Übersicht hat, dann beginnt es normalerweise damit, Lösungen für diesen Zielkonflikt zu suchen, nicht selten durch innere Handlungen.
Hierbei gibt es aber eine Falle: Das Ich ist jetzt schnell mit weiteren Teilen identifiziert, die sich zum Beispiel mit der Situation überfordert fühlen oder schnell eine Lösung finden wollen, sei es Ignorieren, Unterdrücken, sich Beschweren, sich Ablenken…
Mit der Zeit wird man merken, dass es viele Teile im Innern gibt, die durch diese Strategien zwar auf ihre Art helfen wollen, es aber letztlich nicht können.
Das Selbst
Es gibt aber eine Entität im Menschen, man könnte sie auch einen Zustand nennen, von dem aus sowohl Heilung als auch die Auflösung von Ziel- und Bedürfniskonflikten möglich ist. Dieses Wesen ist das Selbst. Mit ihm kann sich das Ich verbinden und dann von dort aus heilsam mit allen Teilen in Beziehung treten. Denn die Anteile eines Menschen können von dem Selbst des Menschen Heilung erfahren. Sie fühlen sich gesehen, gehört, empathisch verstanden. Sobald das Ich das Selbst gefunden hat und sich mit diesem identifiziert, beginnt ein heilsamer Prozess, der aus der Weisheit und Kreativität des individuellen Selbst geleitet wird und selbst die tiefsten Wunden und Verwirrungen heilen kann.
Das Ich und das Selbst
Wenn das Ich das Selbst gefunden hat, hat es sich selbst gefunden. Es ist ein Zustand, in dem man man selbst ist, daher kann von dort aus auch Integration und Heilung geschehen. Dieser Zustand ist sehr selten in unserem Alltag, kann aber gezielt geübt werden.
Die Begleitung
Wenn du diese Art der Individuationsarbeit machst, dann besteht die Begleitung im Wesentlichen darin, dein Ich dabei zu unterstützen zu erkennen, ob es sich gerade mit einem Teil oder mit dem Selbst identifiziert hat. Denn diesen Unterschied zu bemerken ist wirklich nicht einfach, aber für die heilsame Arbeit wesentlich.
Es gibt viele selbstähnliche Teile in uns, die über kurz oder lang lernen, das Selbst nachzuahmen. Sie wollen dann, alles aus bester Absicht, auch heilsam für die anderen Teile des Systems da sein, können es aber wirklich nicht.
Ein ganz wichtiger Schritt besteht darin, diesen selbstähnlichen Teil auch zu finden, ihn liebend anzunehmen, zuzuhören und zu helfen – aber aus dem Selbst heraus.
Kannst du den Teil genau so annehmen, wie er ist?
Dies ist eine der Schlüsselfragen in der Begleitung. Das Selbst hat die Empathie, Kraft und Geduld, alle Teile genau so anzunehmen wie sie sind. Dies ist einerseits die Voraussetzung für heilsame Hilfe für die Teile und andererseits eine gute Möglichkeit, gemeinsam herauszufinden, ob das Ich schon das Selbst gefunden hat, oder gerade noch mit einem anderen Teil, zum Beispiel einem, der eine schnelle Lösung will, identifiziert ist.