Der analysierende Anteil

Wir alle haben einen Anteil in uns, der analysierend und verstehend tätig ist, der neue Wahrnehmungen, seien es äußere oder innere, mit dem bisher Erlebten abgleicht, Verknüpfungen herstellt, Erklärungen sucht. Er will verstehen, warum die Dinge sind wie sie sind, warum wir erleben, was wir erleben, warum es uns so geht, wie es uns geht.

Dieser Teil ist sehr wichtig und wir brauchen ihn, um in einer Welt voller komplexer technischer, natürlicher und sozialer Systeme zurechtzukommen.

Allerdings gibt es auch Bereiche, in denen dieser Anteil mit seinem analysierend-verstehenden Ansatz das Wesentliche nicht verstehen kann. Ein solcher Bereich ist die Welt der Gefühle (auch Bedürfnisse, Werte, Ideale), seien es die eigenen oder die anderer Menschen. Hier ist ein anderer Erkenntnisansatz gefragt: Mitgefühl und liebevolles Interesse.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“

Antoine de Saint-Exupéry

Wer sich auf den Weg der inneren Arbeit begibt, wird über kurz oder lang mit dem analysierenden Anteil Bekanntschaft machen. In Beratung und Therapie zeigt er sich, indem man eher über seine Gefühle spricht und diese erklärt und analysiert, als sie wirklich zu fühlen und heilsam zu integrieren. Bei der Meditation ist es verbunden mit dem Erlebnis des kommentierenden, analysierenden Denkens dessen, was man erlebt (und sei es die Leere).

Für den Weg der Individuation ist ein harmonisches Verhältnis mit diesem Anteil unverzichtbar.

Der Weg beginnt oft damit, dass man zunächst so mit dem analysierenden Teil verschmolzen ist, dass man ihn gar nicht als separaten Anteil bemerkt. Er ist so wichtig für unseren Alltag, dass zunächst kein Unterschied zwischen dem Ich und diesem Teil erlebbar ist. Und das ist auch nicht ganz falsch: der analysierende Anteil gehört zu dem, was man Das Alltags-Ich nennen könnte, welches bei der Individuation ja transzendiert und neu integriert wird.

Mit der Zeit kommt man dann aber diesem Teil vielleicht doch auf „die Schliche“ und bemerkt wie er einen am Meditieren oder Fühlen hindert. Die normale Reaktion ist dann, dass man diesen denkenden Teil weg haben möchte. Hierin zeigt sich ein weiterer Anteil, aber auch diesen bemerkt man normalerweise nicht gleich, sondern ist mit diesem neuen Teil verschmolzen und empfindet Ablehnung oder Ärger gegenüber dem denkenden Teil, weil man z.B. endlich richtig fühlen oder meditieren können will.

Damit ist man in der nächsten Etappe der Beziehung zum Verstand angelangt: eine Art innerer Kampf zweier Teile miteinander. Besonders spaßig wird es, wenn der analysierende Teil diesen Vorgang irgendwann bemerkt und durchschaut. Denn jetzt kann man schon hin und her schwingen zwischen der Identifikation mit dem verstehenden Teil und dem, der sich darüber ärgert.

Der Weg raus aus diesem Dilemma ist das liebevolle und verständnisvolle Hinwenden zu beiden Teilen. Wenn man dem analysierenden Teil zuhört, wird man manches Überraschende feststellen. Einmal gibt es dort den Wunsch, und auch eine Freude daran, zu verstehen. Aber es gibt noch tiefere Schichten und grundlegendere Motivationen dafür, dass dieser Teil gerade auch bei der inneren Arbeit besonders aktiv werden und „stören“ kann.

Man wird dann merken, dass es diesem Teil darum gehen kann, das Bewusstsein vor schwierigen, scheinbar überwältigenden, Gefühlen zu schützen. Der Verstand offenbart sich jetzt als eine Art Wächter, für den es sich deutlich sicherer anfühlt, Gefühle zu analysieren und zu erklären, als sie wirklich zuzulassen, damit sie integriert werden können.

Noch tiefgreifender ist die Angst davor, verrückt zu werden. Würden wir plötzlich ganz unkontrolliert alle Inhalte unseres Unbewussten, alles Unter- und Überbewusste, wahrnehmen können, so würden wir entweder schlagartig erleuchtet oder, was wahrscheinlicher ist, verrückt werden. Diese Angst ist uns meist nicht bewusst, führt aber dazu, dass der Verstand oft eine reine, interessiert-liebevolle Wahrnehmung gar nicht zulässt, oder diese nach kurzer Zeit beendet und eine analysierend-erklärende Aktivität beginnt.

Dies soll deutlich machen, dass der analysierende Teil einen aus seiner Sicht lebenswichtigen Abwehrkampf gegen das Verrücktwerden führt. Wenn man das einmal „verstanden“ hat und zwar am besten mit dem Herzen, dann kann man nach und nach ein anderes Verhältnis zum Verstand aufbauen und beginnen mit ihm zusammenzuarbeiten. Letztlich geht es darum, dem Verstand das Vertrauen zu vermitteln, dass du in der Lage bist, mit dem umzugehen, was sich zeigt, wenn der Verstand aufhört zu arbeiten. Das macht man am besten „tröpfchenweise“, indem man sich zunächst mit dem Verstand unterhält und schaut, ob er bereit wäre, für eine kurze Zeit weniger aktiv zu sein.

Wenn das gelingt, und es sind vielleicht nur wenige Sekunden am Anfang, dann kann es zum Beispiel möglich sein, mit einem anderen inneren Anteil empathisch in Kontakt zu treten und dann diesen mit dem Herzen zu verstehen.

Wenn man so zu ganz neuen Erfahrungen gekommen ist und vielleicht auch ganz neue Erkenntnisse über die eigene innere Welt gewonnen hat, dann wird sich bald der Verstand wieder einschalten und versuchen, das so Erlebte in die bisherige Erfahrungswelt einzugliedern. Manchmal macht er es, weil die Gefühlsintensität für ihn zu groß wurde. Manchmal macht er es, weil er nicht mehr „Neues“ ertragen kann, ohne es in das Bisherige einzugliedern.

In beiden Fällen ist es meiner Erfahrung nach das Beste, ihn einfach kurz machen zu lassen und zu wissen, dass er nun diese Integration braucht. Oft kann dann der Prozess an dem man gerade war, direkt weitergehen. Die Falle wäre, sich hier entweder ganz im Verstand zu verlieren, oder sich darüber zu ärgern, dass man schon wieder denkt, anstatt zu fühlen (also jeweils eine Verschmelzung mit polaren Teilen).

Ein Bild, das ich für die innere Arbeit, meine eigene und die mit Klienten, habe, ist das eines Delphins. Ein Delphin taucht tief und kann lange die Luft anhalten, aber manchmal muss er dann doch an die Wasseroberfläche, um Luft zu holen. So kann es uns bei der inneren Arbeit, beim Tauchen in der Seele, auch gehen: ab und zu muss der Verstand „Luft schnappen“, bevor es ihm zu viel wird.

Nach und nach wird der Verstand dann Vertrauen zu dir fassen, dass du mit dem umgehen kannst, was sich zeigt, wenn er schweigt. Und du kannst dich umso mehr an ihm freuen, wenn er das notwendige Verständnis für das von dir Erlebte erarbeitet.